Hip-Hop – bedenkliche Jugendkultur?
Laut Szenenforschung gibt es weit über drei Millionen jugendliche Hip-Hop Fans in Deutschland. In die breite Öffentlichkeit gelangt dieser Musikstil immer dann, wenn gewalthaltige oder pornografische Texte gesungen werden. Das verunsichert viele Eltern. Was aber verbirgt sich hinter dieser Musikrichtung und sollten Eltern ihren Kindern Hip-Hop verbieten?
Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien beantwortet für SCHAU HIN! die 10 häufigsten Fragen zum Thema Hip-Hop-Musik.
Warum ist Hip-Hop so umstritten?
Seit Mitte der 90er Jahre gehört die Hip-Hop-Szene in vielen Formen zu den populärsten Jugendkulturen in Deutschland mit weit über drei Millionen Interessierten. Ein Teilbereich dieses Musikstils hat die Gremien der Bundesprüfstelle seit dem Jahr 2004 verstärkt beschäftigt, der „Gangsta- oder Porno-Rap“, da er häufig jugendgefährdende Inhalte aufweist. Die Interpreten wenden gegen eine Indizierung oft ein, dass herabwürdigende oder verrohende Inhalte nicht wörtlich zu nehmen, sondern im Sinne der Szenesprache zu verstehen seien. Die Wirkung der Inhalte auf Minderjährige auch außerhalb der Szene muss jedoch Berücksichtigung finden. Die Bundesprüfstelle hat bisher über 60 „Porno-Rap-CDs“ in die Liste der jugendgefährdenden Medien eingetragen.
Wieso schreckt die Sprache des Hip-Hop ab?
Die Sprache im Battle-Rap ist gewalthaltig. Die gewalttätige Auseinandersetzung in den Ghettos amerikanischer Großstädte (battle) wurde im Hip-Hop in eine nicht gewalttätige, künstlerische Form transformiert, den Battle-Rap. Die Begriffe werden jedoch sowohl im realen als auch in einem symbolischen Sinn gebraucht: Die Hip-Hop-Sprache mag daher für Eingeweihte verständlich sein, im allgemeinen Sprachgebrauch haben diese Codes oft beleidigende oder diskriminierende Bedeutung und können somit keine gesellschaftliche Akzeptanz für sich in Anspruch nehmen. Die Hip-Hop-CDs, die bisher indiziert wurden, bilden allerdings nur einen Bruchteil einer viel reichhaltigeren globalen Musikszene und Jugendkultur ab.
Was ist eine Indizierung?
Indizierung ist die Aufnahme eines Mediums in die Liste der jugendgefährdenden Medien ("Index"). Die Aufnahme wird durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) veranlasst. Im Bereich der Hip-Hop-Musik werden Indizierungen häufig ausgesprochen, weil die CD unsittliche, Frauen diskriminierende oder verrohend wirkende Inhalte aufweist oder in den Liedtexten der Drogenkonsum verherrlicht oder zu Gewalttätigkeiten angereizt wird. Einige sind zudem durch Strafgerichte bundesweit beschlagnahmt worden, so dass sie auch Erwachsenen nicht mehr zugänglich gemacht werden dürfen. Indizierte Tonträger (z.B. CD, LP, MC) dürfen insbesondere nicht in Läden angeboten oder ausgestellt werden, die Kindern und Jugendlichen zugänglich sind, das heißt sie dürfen nur "unter dem Ladentisch" verkauft werden. Sie dürfen auch nicht öffentlich, z.B. mit Plakaten beworben werden. Wer Kindern und Jugendlichen eine indizierte CD zugänglich macht, begeht eine Straftat.
Was bedeutet Hip-Hop für Jugendliche?
Jugendkultur ist heute Teil des Lebensstils von Jugendlichen. Das gemeinsame Feiern und "Chillen" sind wichtige Bestandteile von Hip-Hop Partys. Für die Mehrzahl ist mit der Vorliebe für Hip-Hop-Musik auch der Freundeskreis und das Freizeitverhalten eingeschlossen sowie Kleidung und Accessoires. Auch deshalb sind - wie immer im Erziehungsprozess – viele sensible Aspekte gleichzeitig zu beachten und man muss dabei behutsam vorgehen. Letztlich sind nur die Eltern in der Lage, die für ihr Kind passenden Entscheidungen zwischen Verständnis und Vertrauen zu treffen, aber auch Grenzen zu setzen.
Wieso müssen Grenzüberschreitungen auch in der Musik sanktioniert werden?
Jugendliche versuchen Grenzen auszutesten. Dies dient der Aushandlung der zentralen Werte, Normen und Rollenmuster auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Rap ist ein "Raum" zum Probehandeln. Es besteht die Vorstellung, im Einüben in die Welt der Erwachsenen relativ folgenlos Fehler machen zu können. Frauendiskriminierung, Anreizen zu Gewalt und Verherrlichung von Drogenkonsum müssen jedoch sanktioniert und erzieherisch behandelt werden. Eltern müssen die Auseinandersetzung mit ihren Kindern über gewalthaltige und verrohende Texte suchen und führen. Machen Sie als Eltern Ihren Kindern deutlich, dass Sie diese Grenzüberschreitung weder im Handeln noch in der Sprache dulden.
Dürfen Eltern ihren Kindern indizierte CDs zugänglich machen?
Eltern genießen nach dem Jugendschutzgesetz das so genannte „Erziehungsprivileg“. Das heißt die Strafvorschriften bei Verstoß der jugendschutzrechtlichen Beschränkungen finden keine Anwendung, wenn Eltern oder sonstige Personensorgeberechtigte das Medium einem Kind oder einer jugendlichen Person anbieten, überlassen oder zugänglich machen. Die enge Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern gestattet es in besonderem Maße, Medienkompetenz zu vermitteln. Zur Medienerziehung gehört auch, dass sich Eltern mit ihren Kindern über jugendgefährdende Inhalte auseinandersetzen Dieses Privileg findet seine Grenzen, sobald Eltern durch das Zugänglichmachen ihre Erziehungspflicht gröblich verletzen. Dieses Privileg kann nicht auf andere Personen, wie ältere Geschwister, Babysitter oder andere Aufsicht führende Personen übertragen werden.
Können Eltern CDs indizieren lassen?
Wenn Ihnen der Inhalt einer CD jugendgefährdend erscheint, können Sie sich zunächst bei der Bundesprüfstelle erkundigen, ob der Tonträger bereits indiziert ist. Privatpersonen können nicht unmittelbar die Aufnahme eines Indizierungsverfahrens bei der BPjM beantragen. Sie finden jedoch in Ihrer Nähe eine Stelle, von der aus ein Indizierungsverfahren in Gang gesetzt werden kann. Dies sind z.B. alle Jugendämter und anderen Behörden sowie alle anerkannten Träger der freien Jugendhilfe (z.B. Deutscher Kinderschutzbund e.V., Deutsches Kinderhilfswerk e.V.).
Soll ich meinem Kind Hip-Hop-Musik verbieten?
Musik hat für Jugendliche neben dem aktiven Musizieren eine wichtige Funktion der Unterstützung der eigenen Gefühle durch Musik. „Porno-Rap“ Jugendlichen nicht zugänglich zu machen heißt: Dem Gewöhnungseffekt der Frauendiskriminierung frühzeitig gegenzusteuern, Lusterlebnis und Gewalt zu trennen und einer gefühlsbejahenden Sexualerziehung den Weg zu bereiten. Die Frage müsste daher nicht lauten: Hip-Hop Ja oder Nein, sondern eher: Welche Art von Hip-Hop?
Warum ist der aktive Umgang mit Medien zu fördern?
Gelungene Medienerziehung heißt, den Schritt vom passiven Konsum zur aktiven Beteiligung zu schaffen. Die Zusammenarbeit von Schulen, offener Jugendarbeit und medienpädagogischen Einrichtungen eröffnet zusätzliche Chancen. Kreativangebote zur aktiven Medienarbeit drängen sich geradezu auf: Die Kinder und Jugendlichen nehmen die Angebote (Film-, Radio-, Handy-, Hip-Hop-Workshops) gerne an ("anders als Schule").
Welche Möglichkeiten bietet Hip-Hop zur Medienerziehung?
Das zentrale Anliegen medienpädagogischer Arbeit mit Hip-Hop ist es, Jugendlichen positive, kreative und aktive Zugänge zu den Medien zu erschließen und für das Zusammenleben mit anderen Reflexionsprozesse anzustoßen, ihr Unrechtsbewusstsein zu entwickeln, sie für Ursachen von Diskriminierung und Gewalt zu sensibilisieren. In aktiven Medienprojekten (wie z.B. Hip-Hop-Workshops) lernen sie, Medien kritisch zu beurteilen und eigene kreative Formen des Umgangs mit ihnen zu entwickeln. Die Themen und Ausdrucksmittel des Hip-Hop sind vielfältig und multikulturell.
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