Projektbüro "SCHAU HIN!"
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Interview mit Dr. Wolfgang Bergmann - "Die Realität ist bedrohlich"
SCHAU HIN! sprach mit dem Erziehungswissenschaftler und Kinder- und Jugendtherapeuten Wolfgang Bergmann über Computersucht, Warnzeichen und den richtigen Umgang mit gefährdeten Kindern.
Herr Bergmann, wann machen Computer süchtig?
Wenn ein Kind sich, aus welchen Gründen auch immer, in dieser Welt nicht so richtig aufgehoben fühlt und immer das Gefühl hat "Ich komme zu kurz", dann entwickelt dieses Kind ein inneres Bild von sich: "In Wirklichkeit bin ich ganz toll, aber das nehmen Mama und Papa und die anderen Kinder, nicht wahr". Aber in der Wirklichkeit erleben sie dauernd Niederlagen. Das führt zu einer merkwürdig hochmütigen Form von Depression. Die Kinder sind depressiv. Aber gleichzeitig haben sie einen hochmütigen Gestus: "Ihr könnt mir alle nichts!" Diese Kinder sind besonders suchtanfällig. Und zwar insbesondere von den Online-Rollenspielen.
Also von Spielen, bei denen ich eine andere Person sein kann?
Ja, genau. Süchtig machen nicht die Ballerspiele, sondern Online-Spiele wie World of Warcraft. Diese Kinder finden in den Computerspielen die Lösung ihrer seelischen Konflikte. Und zwar aus folgendem Grund: Im Spiel bin ich allmächtig, ich bin ein Krieger, ich vernichte den gewaltigen Boss, ich befinde mich in einer magischen mystischen Welt, die mich trägt. Mein heiles inneres Bild gewinnt plötzlich eine Realitätskraft und gleichzeitig werden diese depressiven Anteile immer geringer. Das führt dazu, dass sich dieser Junge sagt, "was interessiert mich die Realität, in der ich sowieso immer scheitere und die mich depressiv macht, ich will nur noch spielen." Und dann geht er in diese Sucht hinein. Diese Sucht ist insofern eigentlich eine Depressionsabwehr.
Betrifft diese Sucht eher Jungs oder eher Mädchen?
Das ist im Prinzip ein Phänomen, das nur Jungs betrifft. Kann ich Sucht dadurch heilen, dass ich einfach den Computer abschalte? Genau das funktioniert nicht. Letztens rief mich ein Vater an, der sagte, er hätte alles gemacht, er hätte seinen 14-jährigen Sohn, der nicht mehr zur Schule geht, den Computer weggenommen. Die Reaktion des Sohnes war, dass er sich in seinem Zimmer eingeschlossen und sogar nicht mehr gegessen hat. Er verweigerte den Kontakt zu seinen Freunden. Das Problem löste sich nicht, sondern wurde größer.
Wie kann man reagieren?
Man muss eine Ebene finden, auf der der Junge merkt, dass er respektiert wird. Wenn er dann sein inneres Selbstbild dem Erwachsenen mitteilen kann, dann kann man im nächsten Schritt gehen und sagen: "Weißt du was, du bist so toll, du würdest das innere Bild auch durchhalten, wenn du etwa Fußball spielst." Wenn sie ein Kind dafür gewinnen - und das ist gar nicht so schwer, weil Kinder und Jugendliche einen starken Willen haben, sie möchten mit anderen spielen, sie möchten lebendig sein, ihren Körper fühlen - wenn sie es an diese Stelle kriegen, dann verliert der PC plötzlich diese enorme Faszinationskraft. Die spielen dann zwar immer noch weiter, aber nicht mehr ausschließlich.






