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Artikel Detail

Zum Umgang mit Gewalt in den Medien - Kinder nicht allein lassen

Bürgerkrieg, Bombenanschläge und Folterungen - Bilder von Gewalt und Zerstörung gehören zum Alltag in den Medien. Doch wo liegen die Grenzen der Zumutbarkeit für Kinder? Denn Bilder von Krieg, Krankheit, Tod oder Kriminalität lassen Kinder oft hilflos zurück.

27.10.2007

"Mach' den Fernseher aus, und komm' essen!" mahnt die Mutter ihren achtjährigen Sohn Mark. Keine Reaktion. Erst nach der zweiten Ermahnung kommt Mark in die Küche. "Mama, kommt der Krieg jetzt auch zu uns?" fragt er - während auf der Mattscheibe im Wohnzimmer noch die Bilder von Panzern, Soldaten und getöteten Zivilisten vorbeirauschen...Gewalt in den Medien geht nicht spurlos an Kindern vorüber. Jüngere Kinder werden unruhig und ängstlich, manche schrecken nachts auf. Sie können oft noch nicht klar unterscheiden, ob es sich bei dem Gezeigten um Realität oder Fiktion handelt. Älteren Kindern ist diese Unterscheidung zwar bewusst, aber auch bei ihnen bleibt das Gefühl der Hilflosigkeit und Angst. Deshalb ist es wichtig, dass die Eltern "ihrem Kind als Partner zur Verfügung stehen", sagt Professor Dr. Dieter Wiedemann, Präsident der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg: "Sie sollen mit ihm reden und seine Fragen beantworten. Die Kinder sollen merken, dass die Eltern sich interessieren." Bei problematischen Inhalten einfach unkommentiert abzuschalten, sei keine Lösung.

Tipp

Rückzug als Alamsignal
Wenn das Kind sehr verschlossen ist und sich nicht mehr mitteiltplötzlich nervös, verängstigt oder bockig ist, Essensschwierigkeiten hat,seine Hausaufgaben nicht mehr macht, können das Hinweise darauf sein, dass es etwas nicht verarbeitet hat.
Für bedauerlich hält der Medien-Experte, dass zum Beispiel inzwischen in so vielen Kinderzimmern eigene TV-Geräte stehen. Jeder schaut für sich, und dadurch leide die Kommunikation in der Familie. "Fernsehen sollte kommunikationsstiftend sein", ist Wiedemann überzeugt. Diskussionen über das Programm helfen nicht nur, das Gesehene zu verarbeiten, sie seien zudem "gut für die familiäre Demokratie".

Kinder völlig von Bildern abzuschirmen, die sie möglicherweise beunruhigen oder ihnen Angst einflößen, hält er nicht für sinnvoll: "Sie sind schließlich auch im realen Leben mit Schwierigkeiten konfrontiert." Kinder sollen vielmehr lernen, Medien auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten und eigenverantwortlich zu nutzen. Die Eltern sind dabei das wichtigste Vorbild und sollten sich dessen auch bewusst sein.Doch wie soll das funktionieren? "Wir können keine allgemeingültigen Ratschläge oder Patentrezepte für Eltern liefern," sagt Wiedemann. Aber die sind seiner Meinung nach auch gar nicht notwendig: "Was Kinder verarbeiten können, können vor allem ihre Mütter und Väter beurteilen."

Einige Anhaltspunkte im Umgang mit den Medien lassen sich dennoch festhalten. So hält Wiedemann das TV-Programm nach 20 Uhr zumindest für Vorschulkinder für ungeeignet - zum einen, weil die Filme für kleine Kinder viel zu lang seien. Zum anderen sollten unter Sechsjährige um diese Zeit schon längst im Bett liegen, und der Sonntags- oder Freitagabendkrimi sei sowieso nicht für Kinder zu empfehlen. Mit kleinen Einschränkungen gelte das Gleiche auch noch für Grundschüler.

Tipp

Fernsehen ja - aber was und wie lange?
Kinder im Vorschulalter sollten nur so lange fernsehen, wie sie nicht unruhig werden. Die auf diese Altersgruppe abgestimmten Sendungen sind in der Regel auch nur circa 15 Minuten lang. Danach brauchen sie eine Pause.Für Acht- bis Neunjährige sind 60 bis 80 Minuten Fernsehen am Stück meist kein Problem.Über interessante Kindersendungen informiert zum Beispiel der Verein "Programmberatung für Eltern" der Landesmedienanstalten in seiner Zeitschrift "Flimmo".
Kinder sollten so viel Vertrauen zu ihren Eltern haben, dass sie ihnen erzählen, wenn sie etwas gesehen haben, was sie erschreckt oder was sie nicht verstehen. So wie es der achtjährige Mark getan hat. Das gilt nicht nur für das "Leitmedium" Fernsehen, sondern für alle Medien - von Zeitungen, Kinofilmen, Videos und DVDs über das Internet und E-Mails bis hin zu Computerspielen.

Das heiße nicht, dass sie keine Geheimnisse haben dürften, meint Medien-Experte Wiedemann, oder dass sie immer nur unter Mamas oder Papas Aufsicht vor den Bildschirm dürften. Vertrauen schaffen und vor allem "in Kontakt bleiben", laute die Devise!

Denn wie in den meisten Erziehungsfragen bringen auch hier strikte Verbote wenig, können sogar Trotzreaktionen hervorrufen. Jugendgefährdende Inhalte sollten allerdings unbedingt an offizielle Stellen gemeldet werden (zum Beispiel an www.jugendschutz.net)Auch wenn Medien Kinder in ihrem Verhalten durchaus beeinflussen können, sind manche Befürchtungen von Eltern jedoch übertrieben: "Die Angst, dass Kinder zum Beispiel durch gewalttätige Filme, Videos oder Computerspiele ebenso werden, ist meist völlig unbegründet," sagt der Kommunikations- und Erziehungsberater Dr. Jan-Uwe Rogge.

Auch Professor Wiedemann ist der Meinung, dass die Bedeutung der Medien überbewertet wird: "Fernsehen ist nicht an allem schuld!" Das Problem sei vielmehr, dass viele Kinder in einem gewalttätigen Milieu aufwachsen.

Tipp

In virtuellen Welten surfen und spielen
Die Computerspiele, die in Deutschland auf dem Markt sind, müssen die Auflagen des Jugendschutzes erfüllen und mit einer entsprechenden Kennzeichnung versehen sein (siehe § 14).Informationen über das Verfahren zur Altersfreigabe und zu neuen Computerspielen gibt es zum Beispiel bei der "Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK)". Auf diese Hinweise sollten Eltern sich nicht ausschließlich verlassen. Informationen und Beratung bieten auch Fachzeitschriften oder Fachgeschäfte.Am besten ist allerdings, wenn Eltern regelmäßig mit ihren Kindern zusammen surfen und spielen. Oftmals können sie dann umgekehrt auch einiges von ihren Kindern lernen.
In der Diskussion um Gewalt in den Medien ist es wichtig, die positiven Aspekte nicht aus den Augen zu verlieren. So können Fernsehen und Computer nicht nur als Informationsquelle nützlich sein. Angebote im Netz oder Online-Spiele tragen auch dazu bei, das räumliche Denken und motorische Fähigkeiten zu entwickeln.

Professor Dr. Stefan Aufenanger vom Pädagogischen Institut der Universität Mainz rät Eltern allerdings, darauf zu achten, dass ihre Söhne und Töchter nicht ständig vor dem Bildschirm hocken und "der Medienkonsum der Kinder mit anderen Freizeitaktivitäten - zum Beispiel Sport treiben oder sich mit Freunden treffen - in einem Gleichgewicht steht.