29.03.2011
Medienpädagogik als Selbstverständlichkeit
In Berlin findet zurzeit der Kongress „Keine Bildung ohne Medien“ statt. Das Anliegen der gleichnamigen Initiative ist es, medienpädagogische Inhalte stärker im Bildungsbereich zu verankern. Wir haben darüber mit Prof. Neuss von der Uni Gießen gesprochen.
Prof. Norbert Neuss ist Erziehungswissenschaftler und Vorsitzender der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) und Mitunterzeichner des „Medienpädagogischen Manifestes 2009“, das als Grundlage der Initiative „Keine Bildung ohne Medien“ gilt. Prof. Neuss ist zudem Mitglied des wissenschaftlichen Beirates von SCHAU HIN!.
Warum sollten medienpädagogische Inhalte in der Schule eingeführt werden?
Heranwachsende benötigen Orientierung in der Medienwelt. Diese verschaffen Sie sich mehr und mehr selbstständig indem sie die modernen Kommunikationsmedien nutzen. Aber neben der technischen Anwendung, bei der Jugendliche oftmals die Lehrergeneration überholt haben, sind noch weitere Kompetenzen notwendig. Unsere letzte GMK-Tagung „Digital native- oder digital naiv?“ hat gezeigt, dass Medienkompetenz keineswegs in die Wiege gelegt, sondern auch von der jüngsten Generation erst nach und nach erworben wird. Kinder und Jugendliche müssen darin angeregt werden, kritisch und kreativ mit Medien umzugehen. Hierbei spielen Erziehung und Pädagogik eine herausragende Rolle. Schule, Eltern und außerschulische Einrichtungen sind gefordert medienpädagogisch aktiv zu werden. In der Schule müssen endlich die seit langem bereitliegenden und nur vereinzelt praktizierten Konzepte umgesetzt werden. Ziel ist nicht allein das sinnvolle Einsetzen medialer Techniken zur Förderung der Unterrichtsdidaktik. Ziel ist vor allem auch die Förderung der Kritikfähigkeit, kommunikativen Kompetenz und kreativen wie demokratischen Nutzung der Medien.
Welche Themen und Aufgaben sind dies ganz konkret?
- Web 2.0-Angebote selbst machen
- E-Commerce und Verschuldung mit Jugendlichen thematisieren
- „Liebe, Sex und Partnerschaft“ als Thema in Online-Portalen medienpädagogisch bearbeiten
- Quellenkritik von Internetinhalten lernen
- die Reflexion der medialen Rahmung von Profilen und Plattformen erkennen
- Widerständigkeit gegenüber schnell wechselnden Medientrends erwerben
- ethische Maßstäbe anhand problematischer Nutzung (cyber-bulling, happy-slapping usw.) thematisieren
- Konsequenzen von Persönlichkeitsdarstellung im Web 2.0 erkennen.
Es geht dabei darum, Risiken zu mindern und Chancen sinnvoll zu nutzen.
Was ist aus Ihrer Sicht das zentrale Thema, das durch den ersten medienpädagogischen Kongress mehr Aufmerksamkeit erfahren soll?
Medienpädagogik ist nicht neu, heute ist es aber besonders dringend, dass Medienbildung und Medienpädagogik per se wahrgenommen und umgesetzt werden. Auch die GMK-Foren, die seit 25 Jahren regelmäßig stattfinden, zielen auf die Verbreitung und Verstetigung von Medienpädagogik ab. Als Erstunterzeichner des Manifestes und aus Sicht der GMK geht es darum, Medienpädagogik und Medienbildung in allen Bildungsbereichen strukturell zu verankern. An diesem Prozess ist die GMK mit anderen Akteuren maßgeblich beteiligt. Es geht um die Verstetigung und Unterstützung von Initiativen und Institutionen, die inhaltlich qualitätsvolle medienpädagogische Arbeit leisten.
Was bedeutet Medienkompetenz und wie können Eltern die Medienkompetenz ihrer Kinder fördern?
Eltern können und sollen Kinder in einem sinnvollen, qualitativen und kreativem und altersgerechten Umgang mit Medien begleiten. Hierfür benötigen Sie Beratung und Informationen, wie sie z.B. von SCHAU HIN! und auch der GMK bereitgestellt werden. Wichtig ist, dass Eltern Medien auch als Medien zwischen Eltern und Kindern oder Jugendlichen verstehen und nutzen lernen. Gemeinsam spielen, etwas anhören, anschauen oder produzieren gehört z.B. dazu. Was mag mein Kind an seinem Lieblingshelden besonders? Warum gefällt meiner Tochter diese Sendung so gut? Gut hinsehen und zuhören. Neben der Aufmerksamkeit und der Verantwortung für die Inhalte die Eltern ihren Kindern zugänglich machen, geht es aber auch darum, ein attraktives und abwechslungsreiches Familienleben ohne Medien zu organisieren. Kinder benötigen heute vielfältige Erfahrungen und Erlebnisse, die sie aber oft nicht mehr einfach so in ihrer natürlichen Umgebung machen können, sondern die von Eltern „geplant“ werden müssen.
Welche weiteren medienpädagogischen Angebote wünschen Sie sich?
Ich weiß nicht, ob weitere Angebote geschaffen werden müssen. Vielmehr sollte es ein Ziel sein, das Vorhandene zu verstetigen, zu verbreiten und breit gestreut in allen Einrichtungen der Kinder- und Jugendbildung umzusetzen. Seit zehn Jahren zeichnet der Dieter Baacke Preis herausragende medienpädagogische Projekte aus. Hervorragende praktikable Modelle sind in großer Vielfalt vorhanden, auch für Kitas, Schulen und Eltern. Im Vorjahr hat die GMK unter dem Titel „Create Media Culture“ medienpädagogische Modellprojekte für die kulturelle Bildung entwickelt und mit viel Erfolg in vier Städten realisiert. Doch wo werden die guten Ansätze fortgeführt? Weder Leuchtturm, noch Gießkanne sind angebracht: Medienpädagogik und Medienbildung müssen zur Selbstverständlichkeit werden an Kitas, Schulen, in der Jugendarbeit und Elternbildung. Hierfür und für die Ausbildung der Pädagogen und Lehrer an Hochschulen müssen Ressourcen bereitgestellt werden.



