Cornelia W., Mutter eines Cybermobbingopfers

Interview mit Cornelia W., Mutter eines Cybermobbingopfers

Die Initiative SCHAU HIN! spricht mit Cornelia W. Die Mutter eines Cybermobbingopfers schildert ihre persönlichen Erfahrungen im Umgang mit Cybermobbing und wie sie sich dagegen wehrte. Über diesen konkreten Fall wurde bereits im Rahmen einer ZDF-Reporter Sendung am 28.01.2010 berichtet.
 
SCHAU HIN!: Ihre Tochter wurde Opfer von Cybermobbing. Wie kam es dazu?

Cornelia W.: Angefangen hat es damit, dass meine Tochter in der Schule wegen ihrer guten Schulnoten gemobbt wurde. Sie wurde immer häufiger krank und hatte kein Interesse, in die Schule zu gehen. Daraufhin fing es mit Cybermobbing im Internet an. Über schülerVZ und MSN erhielt sie immer öfter Beleidigungen und Prügelandrohungen.

SCHAU HIN!: Ihre Wie haben Sie bemerkt, dass Ihre Tochter Opfer von Cybermobbing wurde?

Cornelia W.: Ich hatte bestimmt ein halbes, dreiviertel Jahr keine Ahnung, was sich da im Internet abspielte. Anfangs versuchte meine Tochter, das Problem allein mit ihren Klassenkameraden zu klären, was nichts half. Sie veränderte sich allmählich, wurde stiller, zog sich zurück und hatte kein Interesse mehr ins Internet zu gehen oder sich mit Freunden zu treffen. Die Noten wurden immer schlechter. Irgendwann ging ich auf meine Tochter zu und drängte sie, mir zu erzählen, was sie bedrückt. Nach und nach kam alles allmählich raus.

SCHAU HIN!: Ist es Ihrem Kind schwer gefallen, Ihnen alles zu erzählen?

Cornelia W.:
Ich bekam nur sehr mühselig und Stückchen für Stückchen alles aus meiner Tochter raus. Als die Tatsachen auf dem Tisch lagen, zeigte sie mir auch die Beleidigungen, Drohungen und Beschimpfungen im Netz.

SCHAU HIN!: Wie haben Sie sich gemeinsam mit Ihrer Tochter dagegen gewehrt?

Cornelia W.: Ich sprach zu allererst mit den Lehrern, die jedoch nicht weiterhelfen konnten. Dann nahm ich mir die Täter vor, denn einige von Ihnen kannte man aufgrund der Profile bei schülerVZ. Allerdings ließen die gar nicht mit sich reden. Selbst Telefonate mit den Eltern brachten keine Lösung. Die Eltern bestritten, dass ihr Kind so etwas machen würde oder interessierten sich überhaupt nicht für das, was ihre Kinder im Netz treiben. Als nächstes gingen wir zum Anwalt. Dieser wies uns darauf hin, dass es in Deutschland keine Strafen gegen Cybermobbing gibt und es auch so gut wie unmöglich ist, die Daten aus dem Netz zu löschen. Und wenn, dann würde das Monate dauern. Wir haben uns deswegen auch nicht an die Netzwerke oder MSN gewendet, da es uns zu lange gedauert hätte, diesen Prozess anzustoßen. Wir entschieden uns, die Profile meiner Tochter zu löschen und unter anderem Namen ein neues Profil zu erstellen.
Wir wechselten nach vielen Anstrengungen die Schule. Doch mitten im Schuljahr war das sehr schwierig, und die Lehrer hatten dafür kein Verständnis. Wir mussten hart dafür kämpfen, dass meine Tochter auf eine andere Schule gehen konnte.

SCHAU HIN!: Warum haben Sie sich entschieden, damit an die Öffentlichkeit zu gehen?


Cornelia W.:
Meine Tochter hatte Glück im Unglück. Aber ich weiß, dass es vielen Kindern aus dem Bekanntenkreis ähnlich geht und sie nicht wissen, wie man sich dagegen wehren soll. Ich wollte, dass andere Mütter darauf aufmerksam werden und Hilfe bekommen. Nachdem über unseren Fall im ZDF berichtet wurde, meldeten sich viele betroffene Mütter und fühlten sich durch unseren Beitrag unterstützt.

SCHAU HIN!: Hat diese Erfahrung Ihren heutigen Umgang mit elektronischen Medien verändert?

Cornelia W.: Wir gehen anders mit unseren persönlichen Daten um. Wir geben nicht mehr leichtfertig unsere Daten oder Handynummer weiter, sei es bei Onlinebestellungen oder irgendwelchen Foren. Meine Tochter gibt ihre E-Mail Adresse nur ausgewählten Leuten weiter und sie stellt keine privaten oder sensiblen Informationen ins Internet. In den sozialen Netzwerken ist sie nur unter einem Nickname zu finden, nicht aber unter ihrem richtigen Namen. So finden Sie nur die Leute, denen sie ihren Nicknamen verrät.
An der neuen Schule kann sie sich bei Problemen an die Tutoren wenden. In kleinen Gruppen können sich die Schüler mit den Lehrern austauschen. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass auch die Lehrer für dieses Problem offen sind und zuhören. Vor allem aber sollten Eltern von Opfern und Tätern darauf achten, wie sich ihre Kinder im Netz oder mit dem Handy verhalten und mit ihren Kindern über dieses Thema reden.

SCHAU HIN!: Ist das ganze Thema mittlerweile durchgestanden?


Cornelia W.:
Als das alles geschah, fühlte sich meine Tochter zu Hause nicht mehr sicher. Selbst wenn der Computer aus war, wusste sie, dass jeder diese Informationen im Internet nachlesen kann. Diese Unsicherheit ist geblieben. Auch heute noch geht sie ungern bei unbekannter Nummer ans Handy. Wenn es an der Tür klingelt, öffnet sie nur selten die Tür. Um die Erfahrungen zu verarbeiten, geht sie regelmäßig zur psychologischen Beratung.
An ihrer neuen Schule fühlt sich meine Tochter mittlerweile wohl, sie schreibt gute Noten und hat wieder Freunde.