Stefan Middendorf, LKA Baden-Württemberg
Interview mit Stefan Middendorf, LKA Baden-Württemberg
Kriminalhauptkommissar Stefan Middendorf von der Zentralstelle Prävention und Jugendsachen des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg ist Experte für Cybermobbing und Internetkriminalität. Er begleitet als fachlicher Berater die Redaktion des SWR-Krimis „Netzangriff“. Im SCHAU HIN! Interview gibt er Eltern Tipps zum Umgang mit Cybermobbing.
SCHAU HIN!: Kinder haben sich schon immer gegenseitig geärgert oder schikaniert. Was macht Cybermobbing so speziell?
Stefan Middendorf: Die hohe Medienverfügbarkeit macht einen besonders großen Unterschied zu früheren Streitigkeiten oder Hänseleien auf dem Schulhof aus. Kinder und Jugendliche nutzen wie selbstverständlich das Internet, bewegen sich in sozialen Netzwerken und knipsen und filmen ständig und meist ungefragt ihre Mitmenschen mit dem Handy oder der Digitalkamera. Kinder und Jugendliche machen vielfach auch heimlich Fotos oder nehmen über das Handy unbemerkt Gespräche auf. Ein Unrechtsbewusstsein dafür ist bei vielen nicht vorhanden. Eltern sollten erklären, dass nicht alle Funktionen und Möglichkeiten, die ein Handy bietet, auch ohne Nachzudenken genutzt werden müssen. Ein verantwortungsvoller Umgang mit der Technik ist bei Kindern und Jugendlichen selten selbstverständlich.
Eltern stehen vor der Schwierigkeit, dass es fast kein aktuelles und modernes Handy ohne Internetzugang und weiteren umfangreichen Funktionen gibt. Viele Geräte haben bereits eine Bildbearbeitungssoftware installiert. Aufgenommene Bilder können so ganz leicht verändert oder verzerrt werden. Meistens steckt dahinter kein böser Wille, doch die fotografierten Personen finden es selten lustig, wenn sie auf einmal verändert wurden, dicker aussehen oder Pickel im Gesicht haben. Besonders Mädchen werden dadurch sehr verletzt.
Auch die Anonymität, die das Internet bietet, führt dazu, dass Kinder leichter und rücksichtsloser andere Kinder mobben. Es kostet viel mehr Überwindung, jemanden direkt auf dem Schulhof zu beleidigen, ohne die Reaktion abschätzen zu können, als andere in einem Gästebuch oder im Chat anonym zu verspotten.
SCHAU HIN!: Wie kommt es zu Cybermobbing?
Stefan Middendorf: Bei den Gründen für Angriffe im Netz stehen Rache und Belustigung ungefähr im gleichen Verhältnis. Auch Beziehungsärger wird im Internet weitergeführt. Entscheidend ist auch die Gruppendynamik. Viele Kinder schließen sich natürlich lieber dem Gruppenführer als dem Opfer an, um den Schutz des Stärkeren zu genießen. Vielfach steckt auch eine gewisse Neugier dahinter, zu sehen, ob und wie Mobbingopfer reagieren.
Für viele Kinder ist es vor allem ein Spaß, andere zu ärgern oder zu beleidigen. Dahinter steht nicht immer eine böse Absicht, auch wenn das Opfer das anders empfindet. Die Kinder sehen sich auch nicht als Täter, sondern als Zuschauer, wenn sie sich an Mobbingaktionen anderer beteiligen.
Der vermeintliche Glaube an die Anonymität des Internets ist vor allem ein Grund, dass sich die Täter sicher fühlen und Angriffe oft heftiger sind, als bei einem direkten Kontakt zwischen Täter und Opfer. Besonders häufig wird diese Anonymität im Chat ausgenutzt oder in sozialen Netzwerken. Auch sogenannte „Fake Profile“, bei denen man unter falschen Namen oder unter dem Namen des Opfers Profile in sozialen Netzwerken wie zum Beispiel bei SchülerVZ , Facebook oder Kwick! anlegt, werden oft genutzt, um anderen zu schaden.
Wie viele Fälle von Cybermobbing es gibt, lässt sich nur schwer sagen. Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Das liegt zum einen daran, dass es keinen direkten Strafbestand „Cybermobbing“ gibt und Fälle, die zur Anzeige gebracht werden, dann z.B. unter Beleidigung o.ä. fallen. Zum anderen wollen gerade auch Eltern vielfach Gras über die Sache wachsen lassen, damit das Kind nicht noch länger leidet, und zeigen viele Fälle gar nicht bei der Polizei an.
SCHAU HIN!: Woran kann ich erkennen, dass mein Kind gemobbt wird?
Stefan Middendorf: Viele Opfer versuchen zunächst, die Probleme alleine in den Griff zu bekommen. Wenn die Eltern merken, dass ihr Kind gemobbt wird, ist der Angriff meistens schon besonders schwer und oft länger andauernd. Für Kinder und Jugendliche ist es häufig „uncool“ sich den Eltern anzuvertrauen und die Probleme nicht alleine in den Griff zu bekommen. Hinzu kommt, dass man Eltern dann natürlich auch in seine privaten Bereiche wie z.B. geschlossene Gruppen in sozialen Netzwerken reinschauen lassen muss, wenn man sich ihnen anvertraut. Das ist wie ein Tagebuch, in das man die Eltern dann hinein schauen lässt.
Wenn Kinder plötzlich nicht mehr an den Computer wollen oder häufig die E-Mailadresse wechseln, sind das oft deutliche Zeichen. Auch Kinder, die Eltern früher Einblicke in ihre Profile erlaubt haben und plötzlich damit aufhören, können unangenehme Erfahrungen im Netz gemacht haben. Viele Opfer von Cybermobbing wollen auch nicht mehr in die Schule gehen oder zur Schule gebracht werden, weil sie oft bereits schon auf dem Schulweg geärgert und beleidigt werden.
Wenn Eltern Anzeichen dieser Art beobachten, sollten Sie aufmerksam werden und genau hinschauen. Da hilft es z.B. mal, einmal unerwartet früher von der Arbeit nach Hause zu kommen, um herauszufinden, wie sich das Kind verhält, wenn es alleine ist. Konfrontiert man das Kind sofort mit dem Verdacht, könnte es sich noch mehr zurückziehen.
SCHAU HIN!: Welche Tipps können Sie Eltern geben, deren Kinder Opfer von Cybermobbing sind?
Stefan Middendorf: Wenn es eindeutige Hinweise gibt, dass das Kind gemobbt wird, sollten Eltern sofort eingreifen, schnell handeln und das Gespräch suchen. Auch die Schule sollte eingebunden werden. In den allermeisten Fällen kommen die Täter aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld, z.B. der eigenen Klasse, der Schule oder zum Beispiel dem Sportverein. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade Schulen bei der Aufklärung von Mobbingfällen sehr engagiert und bedacht sind, dass solche Vorfälle aufgeklärt werden und nicht wieder passieren.
Wenn es sich um Straftaten handelt, rate ich, den Fall auch bei der Polizei zur Anzeige zu bringen. Dadurch bekommt das Opfer Sicherheit, dass es geschützt ist und der Täter wird aus seiner vermeintlichen Anonymität herausgeholt und möglicherweise sanktioniert. Das ist auch ein wichtiges Zeichen an alle anderen. Wenn zu lange gezögert wird, bietet man dem Täter häufig eine Bestätigung und damit ein Fundament für mögliches weiteres Tun. Deshalb gilt bei Straftaten null Toleranz.
SCHAU HIN!: Was kann ich tun, wenn mein Kind andere Kinder mobbt?
Stefan Middendorf: Wichtig ist es zunächst, immer das Gespräch zu suchen und sich nicht nur für sein Kind, sondern auch für dessen virtuelle Welt zu interessieren. Wenn das Mobbing der Kinder niedrig schwellig ist, muss man es auf die Folgen seines Handeln aufmerksam machen und Bewusstsein für die Situation der Opfer wecken.
Allerdings gilt auch hier: Bei Uneinsichtigkeit und natürlich wenn es um Straftaten geht müssen die Eltern eingreifen, konsequent handeln und jegliche weiteren Handlungen unterbinden. Notfalls können Eltern den Zugang zum Computer auch unterbinden, also sprichwörtlich „den Stecker ziehen“.
Kontrolle ist immer nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Deshalb ist es wichtig, schon früh auch beim Thema Internet und Handy ein gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Bei „Computerneulingen“ und „Einsteigern“ kann man diese Vertrauensbeziehung z.B. besiegeln, indem man das Kind bittet, seine Zugangsdaten zum Lieblingschat oder dem sozialen Netzwerk auf einem Zettel in einem verschlossenen Umschlag zu notieren. Diesen kann man an einen Ort legen, zu dem auch das Kind Zugang hat. So kann es prüfen, dass die Daten von den Eltern nicht grundlos genutzt werden. Im Gegenzug haben die Eltern für Notfälle die Zugangsdaten zur Hand.
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Sandra Dujmovic, verantwortliche SWR-Redakteurin für den Krimi „Netzangriff“



