SCHAU HIN! TV-Tipp: „Rufmord im Internet“ (ZDF)

TV & Kino

01.12.2011

SCHAU HIN! TV-Tipp: „Rufmord im Internet“ (ZDF)

Die 37°-Reportage „Rufmord im Internet“ behandelt das Thema Cybermobbing unter Jugendlichen und wird am 6.12.2011 um 22:15 Uhr im ZDF ausgestrahlt. SCHAU HIN! hat mit der Autorin Katrin Wegner gesprochen.

Das Internet und insbesondere soziale Netzwerke bieten Mobbern eine öffentliche Plattform, auf der sie durch Kommentare, Bewertungen oder Nachrichten gezielt beleidigen oder beschimpfen können. Sind die demütigenden Äußerungen einmal veröffentlicht, verbreiten sie sich unter Umständen schnell und lassen sich nur schwer entfernen. Cybermobbing kann bei Kindern und Jugendlichen dramatische und lang anhaltende seelische Schäden verursachen. Die 37°-Reportage begleitet drei Jugendliche, die unter Mobbing leiden und geht der Frage nach, wie dieser Psychoterror überlebt werden kann.

SCHAU HIN!: Was möchte der Film „Rufmord im Internet“ erreichen?

Katrin Wegner: Zum einen soll der Film klar machen, dass es das sogenannte Mobbingopfer gar nicht gibt. Immer noch glauben viele, das typische Mobbingopfer wäre schüchtern, dick, unsportlich, mit einem Sprachfehler bestückt oder ein Streber. Es gibt aber genug Menschen, die das alles sind und trotzdem nicht gemobbt werden, andere dagegen werden zum Opfer. Wer als Betroffener ausgewählt und über einen langen Zeitraum hinweg gedemütigt, gequält und fertig gemacht wird, scheint vollkommen willkürlich zu sein: es kann jeden treffen. Zum anderen möchte der Film zeigen, was Mobbing bei Betroffenen auslöst, in der Hoffnung, durch mehr Wissen und vor allem Mitgefühl viele Schüler und Lehrer zu erreichen, die in Zukunft früh genug eingreifen und die Zivilcourage besitzen, sich vor das Opfer zu stellen.

SCHAU HIN!: Wie haben Sie die Jugendlichen erlebt, die Opfer von Cybermobbing geworden sind?

Katrin Wegner: Sie berichteten mir Details darüber, wie sie von ihren Klassenkameraden gequält, gehänselt, gedemütigt und drangsaliert wurden. Sylvia Hamacher hatte am Ende sogar Suizidgedanken, war vollkommen gebrochen. Sie hat die Hölle überlebt und wirkt heute, zwei Jahre später, unheimlich stark: Sie hat ein Buch über ihre Geschichte geschrieben, geht damit an die Öffentlichkeit, weil sie anderen Opfern ein Gesicht geben will und sich für mehr Zivilcourage einsetzt. Doch sie hat auch mit Langzeitschäden zu kämpfen, ist, seitdem sie Mobbing ausgesetzt war, psychosomatisch erkrankt. Auch die anderen beiden Protagonisten wirken sehr stark und sehen es als ihre wichtigste Aufgabe, sich für andere einzusetzen. Tobias lässt sich in der Schule als Schüler-Mediator ausbilden. Doch auch bei ihm und auch bei Ninti hat die schwere Zeit Spuren hinterlassen: Sie haben ihr Vertrauen in Andere komplett verloren.

SCHAU HIN!: Wie sind Jugendliche in diese Situation geraten?


Katrin Wegner: Es traf sie plötzlich, ohne dass es vorher Anhaltspunkte gegeben hätte. Sylvia Hamacher war eine sehr beliebte Schülerin, aber in einer vollkommen desolaten Klassengemeinschaft. Von heute auf morgen wurde sie zum Opfer. In Tobias Klasse herrschte ein starker Konkurrenzkampf. Ninti weiß bis heute nicht, wer sie warum im Netz fertig macht und üble Gerüchte über sie streut. Einen Grund, warum die drei Protagonisten gemobbt wurden, gibt es für mich nicht. Auch der Fakt, warum sie in diese Situation gerieten, scheint mir vollkommen willkürlich gewesen zu sein. Stattdessen hätte es auch einen anderen in einem anderen Moment treffen können.

SCHAU HIN!: Wie haben sie es geschafft, aus der Opferrolle wieder herauszukommen?

Katrin Wegner: Sylvia Hamacher blieb nichts anderes übrig, als die Schule zu wechseln und mit Hilfe einer Therapeutin zu neuem Selbstbewusstsein zu gelangen. Als bei Tobias die Situation zu eskalieren drohte, er massiv körperlich angegriffen wurde, griffen die Eltern ein, indem sie sich verzweifelt an den Klassenlehrer wandten. Sozialarbeiter und Lehrer setzten dem Mobbing ein Ende, indem ein mehrjähriges Projekt gegen Mobbing ins Leben gerufen, mit den Tätern, Mitläufern und Tobias gearbeitet wurde, das soziale Klassenklima bis heute gefördert wird. Ninti holte sich selbst Hilfe: informierte die Polizei, Lehrer und ihren Schulrektor, der Anzeige gegen Unbekannt erstattete und eine klare Haltung gegen Mobbing bezog. Die Schule ist sehr engagiert, was Konfliktbewältigung, soziales Lernen und Medienerziehung betrifft.

SCHAU HIN!: Was können Eltern in so einer Situation tun?

Katrin Wegner: Sylvias Eltern haben sich nach einiger Zeit eingemischt, Gespräche mit Lehrern und Direktor geführt. Es brachte nichts, die Situation eskalierte. Tobias Eltern haben alles von Anfang an mitbekommen, gaben ihm Tipps, aber griffen erst am Ende, als die Situation eskalierte, ein. Nintis Mutter hielt sich vollkommen raus. Ob es ein Patentrezept für Eltern gibt? Ich glaube nicht. Wahrscheinlich liegt das Patentrezept in einer Schule, die gute Konzepte zur Konfliktbewältigung hat, in der soziales Lernen, die Klassengemeinschaft im Mittelpunkt stehen und Zivilcourage gefördert wird.

Mehr Informationen zum Thema Cybermobbing finden Eltern unter www.schau-hin.info in der Rubrik Medienerziehung/Internet.

Katrin Wegner ist Autorin des Films „Rufmord im Internet“. Sie studierte Regie, Psychologie, Soziologie und Erziehungswissenschaften und macht seit 2001 Dokumentationen zu sozialen und psychologischen Themen.

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