Von „Germany’s Next Topmodel“ bis „Die Schulermittler“. Beliebt! Aber kindgerecht?
25.11.2011
Von „Germany’s Next Topmodel“ bis „Die Schulermittler“. Beliebt! Aber kindgerecht?
Sowohl Castingshows wie „X-Factor“, als auch Doku-Soaps wie beispielsweise „Familien im Brennpunkt” gewinnen bei Kindern und Jugendlichen zunehmend an Popularität. Einerseits bieten diese „neuen Formate“ einen hohen Unterhaltungswert und Zeitvertreib, andererseits sprechen sie Kinder und Jugendliche an, weil sie Menschen „wie du und ich“ zeigen mit denen sie sich gut identifizieren können. Doch was macht eigentlich neue Formate aus, wie geeignet sind diese für Kinder und wie sollen Eltern mit diesen Sendungen umgehen? SCHAU HIN! hat mit Prof. Dr. Claudia Wegener von der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ (HFF) in Potsdam gesprochen. Des Weiteren hat SCHAU HIN! vier Tipps für Eltern zum kindgerechten Umgang mit neuen Formaten zusammengestellt.
Was sind neue Formate?
Die im Fernsehen gezeigten neuen Formate sind Sendungen, die Erfundenes im Doku-Stil erzählen oder Wirkliches unterhaltsam präsentieren. Dazu gehören Reality TV-Formate wie Doku-Soaps, Castingshows, sowie Coaching -und Swap-Formate. Coaching-Formate sind Sendungen, in denen Menschen zu einem bestimmten Problem Beratung erhalten, wie beispielsweise in der RTL Sendung „Raus aus den Schulden“. Bei Swap-Formaten tauschen Hauptdarsteller für eine bestimmte Dauer ihr Lebensumfeld; Beispiel hierfür ist die Sendung „Frauentausch“ auf RTL II. Auch sogenannte Beziehungsshows oder „Scripted Reality Shows“, die eine inszenierte Realität vorgaukeln und eine Vermischung von Erfundenem und Realem, etwa mit Schauspielern und realen Personen verfolgen, fallen unter den Oberbegriff neue Formate. Ein Beispiel hierfür sind die vielen Gerichtssendungen, die im Nachmittagsfernsehen laufen, bei denen das juristische Fachpersonal tatsächlich echt ist, die Angeklagten und Zeugen aber Laienschauspieler.
Diese Sendungen wollen einen Blick in das Alltagsleben von Menschen ermöglichen und zeigen dem Publikum eine Scheinrealität. Oft wird mit einer Überspitzung bzw. Skandalisierung gearbeitet. So werden bewusst grenzwertige Situationen geschaffen, in denen Menschen nackt gezeigt oder Ekelgefühle provoziert werden. Auch sieht der Fernsehzuschauer häufig Situationen, in denen sich Leute streiten und verbal beleidigen. Damit wird versucht, den Formaten eine fernsehtaugliche Dramaturgie zu verleihen, um öffentlich Aufmerksamkeit zu erzeugen und das Publikum, insbesondere jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer, an sich zu binden.
Neue Formate sind bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen beliebt. Laut der IPSOS Studie 2011 zum Thema „Wie wirkt scripted reality?“ stimmen 68 % der Befragten der Aussage „Ich sehe gerne Beiträge dieser Art“ zu. Prof. Dr. Claudia Wegener betont: „Bei den Realityformaten ist es so, dass sich Kinder in der Regel nicht gezielt diese Formate aus dem Fernsehprogramm aussuchen, sondern dass es ein Gemeinschaftserlebnis ist, mit der Familie abends noch einmal etwas zusammen zu sehen.“ Insgesamt ist die Anzahl der neuen Formate enorm: Allein 2009 wurden 92 unterschiedliche neue Formate im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt (GMK, 2011).
Viele Eltern sind verunsichert, weil es diese Formate in ihrer Kindheit noch nicht gab. Sie fragen sich, ob sie überhaupt kindgerecht sind und ob Kinder zwischen Realität und Fiktion unterscheiden können. Selbst für Erwachsene ist manchmal nicht mehr durchschaubar, wie hoch der Anteil der Inszenierung tatsächlich ist. Laut der IPSOS Studie 2011 halten 50 % der 30 bis 49-jährigen die Sendungen für real. Für Eltern bleibt die Tatsache unbestritten, dass Kinder oftmals von neuen Formaten wie Castingshows und dergleichen fasziniert sind. Doch was übt diese Faszination aus?
Faszination neue Formate
Diese Art von Sendungen dienen, ähnlich wie andere Fernsehformate auch, in erster Linie der Unterhaltung, Spannung und dem Zeitvertreib. Dennoch gibt es weitere Gründe, die Kinder und Jugendliche für solche Sendungen schwärmen lassen. Kinder und Jugendliche- insbesondere MigrantInnen und Bildungsbenachteiligte- können sich mit den Schauspielern in Dokusoaps oder Kandidaten und Jurymitgliedern in Castingshows gut identifizieren, sie dienen ihnen als Vorbild. Doch in Doku-Soaps gibt es nur eine scheinbare Realität, und Laienschauspieler sind damit die falschen Vorbilder für Kinder. Auch Dieter Bohlen oder Bushido, die andere erniedrigen, missachten oder beleidigen, sind als Vorbilder ungeeignet. Kinder brauchen echte Vorbilder aus dem realen Leben und deswegen auch die banalen Erfahrungen der realen Nachbarschaft mit ihren Eltern und Freunden. Das heißt: weniger Fernsehen, mehr Toben, Spaß haben oder mit Freunden abhängen. Wenn Kinder Fernsehen schauen, dann sollten sie Sendungen sehen, in denen spannendes Alltagswissen vermittelt wird, wie z.B. die Sendungen „Wissen macht Ah“ (ARD) oder „Löwenzahn“ (ZDF). Auch „Tom und das Erdbeermarmeladenbrot“(KI.KA) weckt Neugier und soziales Lernen.
Neben Identifikation und Orientierung spielt auch der Wettbewerbsgedanke für Kinder eine große Rolle, insbesondere bei Castingshows. „Daher verfolgen sie natürlich, welche Kandidaten eine Chance haben, welche Kandidaten weiterkommen und welche Kandidaten wie beurteilt werden“, sagt Prof. Dr. Claudia Wegener. Zudem schauen Kinder solche Sendungen auch, um sich abzugrenzen, im Sinne von „hätte man anders gemacht“.
„Andererseits sind die Formate mittlerweile so verbreitet, dass man auch auf dem Schulhof mitreden können muss oder sollte“, unterstreicht Prof. Dr. Claudia Wegener. Das Verhalten der Castingteilnehmer oder der Laienschauspieler wird bis ins kleinste Detail bewertet. In dem jeweiligen Freundes- und Bekanntenkreis reden und bewerten Kinder deshalb die Sendungen, weil sie sich dadurch selbst positionieren und darstellen können.
Wie wirken neue Formate auf Kinder?
Zwar ist der Einfluss von bestimmten Sendungen auf das direkte Verhalten so gut wie ausgeschlossen. Dennoch ist die Wirkung von neuen Formaten nicht unproblematisch. Denn Kinder können zwischen Realität und Erfundenem noch nicht unterscheiden. Sie müssen erst noch lernen, den Unterschied zwischen der Machart und dem Wahrheitsgehalt von Doku-Soaps und echten Dokumentationen zu erkennen. Das können sie beispielsweise dadurch, dass sie Kindernachrichten schauen und selbst zum Reporter werden. Sowohl das Kindernachrichtenmagazin neuneinhalb (ARD), logo! (ZDF) als auch Minitz (SWR) bilden die Realität kindgerecht ab und bieten Kindern die Möglichkeit, Filme zu machen oder Texte zu schreiben. (Mehr Infos zum Thema Kinder und Nachrichten gibt es unter www.schau-hin.info im der Rubrik Medienerziehung / TV & Kino.
Gerade weil Kinder noch nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden können, kann das Schauen von neuen Formaten auch zu einer Fehlwahrnehmung bei Kindern führen. Kinder glauben beispielsweise, dass der Berufsalltag für Models wie er bei „Germany´s Next Topmodel“ gezeigt wird, auch genauso aussieht. Grund dafür ist, dass bei ihnen oft die medienkritische Haltung noch nicht ausgeprägt ist und kaum eine Hinterfragung der Formate stattfindet. Gerade in der Phase, in der sich junge Menschen beruflich orientieren, wecken Castingshows Wünsche und Illusionen. Der Weg nach ganz oben scheint in greifbarer Nähe. Auch sehen Kinder und Jugendliche es oftmals nicht als problematisch an, wenn Privates oder Persönliches veröffentlicht oder zur Schau gestellt wird, wie es manchmal bei sogenannten Swap-Formaten passiert. Besonders gefährlich wird es dann, wenn sich durch diese Formate eine Veränderung des Schönheitsempfindens ergibt und Kinder glauben, dass nur ein schöner Körper zu Erfolg und Anerkennung führt. Hier sind die Eltern gefragt. Prof. Dr. Claudia Wegener betont: „Gerade bei Casting- und bei Coachingformaten ist es wichtig, dass die Eltern eingreifen und der Sendung ein eigenes Urteil entgegenstellen. Letztendlich müssen Eltern ein Umfeld schaffen, das Platz lässt, Leistungsdruck und übermäßiges Erfolgsdenken zu relativieren.“ Eltern sollten ihren Kindern vermitteln, „dass Erfahrungen aus dem realen Leben wichtiger sind als das, was sie in Reality Soaps sehen.“
Wenn Kinder an neuen Formaten teilnehmen möchten
Die Glamourwelt des Fernsehens verspricht Ruhm und Anerkennung. Ein Versprechen, das häufig nicht eingelöst wird. Das Gegenteil kann passieren, indem zum Beispiel das Scheitern bei einer Castingshow mit viel Häme öffentlich zelebriert wird. So kann es schnell zu Mobbing kommen, auch im Internet. Sind die demütigenden Äußerungen einmal veröffentlicht, verbreiten sie sich unter Umständen schnell und lassen sich nur schwer entfernen. Mobbing und Cybermobbing können bei Kindern dramatische und lang anhaltende seelische Schäden verursachen. (Wie Eltern ihre Kinder konkret vor Cybermobbing schützen können und was sie tun können, wenn ihre Kinder Opfer von Cybermobbing geworden sind, erfahren sie unter www.schau-hin.info in der Rubrik Medienerziehung / Internet. Kinder sollten deshalb nicht an neuen Formaten teilnehmen, sondern auf einem anderen Wege Anerkennung bekommen: durch Musik, Sport oder Hobbys. Wer an seinen Talenten arbeitet, der braucht Geduld, Ausdauer und viel Unterstützung. Das kann kein TV-Format herbeizaubern.
Um Kinder für den Umgang mit neuen Formaten zu sensibilisieren, hat SCHAU HIN! vier Tipps zusammengestellt:
- Sendungen kritisch hinterfragen und mit Kindern darüber reden
Eltern sollten mit ihren Kindern über neue Formate reden und ihnen klar machen, dass es sich um inszenierte Sendungen handelt. Kinder brauchen die Unterstützung der Eltern, denn sie können noch nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden. Beispielsweise sollte Kindern in Gesprächen klar gemacht werden, dass in Castingshows oftmals übertriebene und falsche Schönheitsideale gezeigt werden. - Den Wunsch, eine Sendung zu schauen, ernst nehmen
Oft sind neue Formate Schulhofthema. Sie zu sehen, ist wichtig für das Gemeinschaftsgefühl von Kindern. Deswegen hilft ein Verbot wenig, wenn nur kurzfristig. Stattdessen sollten Eltern sich mit ihren Kindern über Inhalte kritisch auseinandersetzen. - Auf die Kinder schauen
Wenn der Wunsch besteht, selbst an einer Castingshow teilzunehmen, sollten Eltern beachten, ob das Kind psychisch stark genug ist, um einen Auftritt durchzustehen und ob es auch tatsächlich der Wunsch des Kindes ist. Auch ist dringend eine externe Meinung einzuholen, um Schlimmes zu verhindern. Eltern sollten in jedem Fall ihrem Kind alternative Wege aufzeigen, seinen Traum zu verwirklichen. - Alternativen schaffen
Kinder sollten ihre Vorbilder nicht im Fernsehen finden, sondern im echten Leben. Eltern sollten daher darauf achten, dass sie und ihre Kinder auch noch Zeit für Spiele, Sport sowie Freunde und Freundinnen haben. Fernsehen sollte auf keinen Fall die einzige gemeinsame Tätigkeit der Familie sein.
Weitere Informationen zum kindgerechten Umgang mit dem Fernsehen finden Sie unter www.schau-hin.info in den Rubriken Medienerziehung / TV & Kino und Medienerziehung / TV-Anfängerpaket.
Das vollständige Interview mit Prof. Dr. Claudia Wegener finden sie hier.



