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Artikel Detail
Aktuelles/Interview/Gespräch/Portrait

Steffen Seibert im Gespräch - "Ängste ernst nehmen"

"heute"-Anchorman Steffen Seibert, Vater einer Tochter (13 Jahre) und zweier Söhne (10 und 4 Jahre), über die Wirkung der Bilder, journalistische Verantwortung und den richtigen Zeitpunkt, wegzugucken

16.09.2007

Herr Seibert, interessieren sich ihre Kinder schon für Nachrichtensendungen?

Meine Söhne sehen eigentlich keine Nachrichten, meine Tochter sieht sie gelegentlich.

Wenn, dann schauen sie natürlich "heute". Ihr Interesse an Nachrichten wird noch von der Tatsache gesteuert, dass ihr Vater moderiert. Und das zu einer Zeit, zu der sie noch auf sein dürfen. Sie gucken aber nicht täglich.

Ist die Wirkung der Bilder und Meldungen auf Kinder ein Thema in ihrer Redaktionskonferenz? Es gibt doch sicher Geschichten, die ihre Kinder in "heute" nicht sehen sollten?

Wir sind uns immer bewusst, dass um 19:00 Uhr auch Kinder zugucken können. Und das deswegen die Auswahl - nicht so sehr der Geschichten - aber der Bilder natürlich eine besonders vorsichtige sein muss. Ich würde von unserer Sendung behaupten, dass sie soweit es irgend geht, auf besonders drastische, besonders blutige, besonders grausame Bilder verzichtet. Wir wissen, dass man um 19:00 Uhr noch vorsichtiger bei der Bildauswahl sein muss, als um 21:45 beim "heute-journal" Uhr oder bei einer Sendung wie "heute nacht", die erst um 23:45 Uhr läuft.
Die Bilder in den Nachrichten sind manchmal sehr drastisch...

Es gibt bestimmte Bilder, die gehören überhaupt nicht ins Fernsehen und nicht vor jugendliche Augen. Bei "heute" sind wir sehr vorsichtig. Anderseits darf man auch nicht auf die Berichterstattung über wichtige Themen verzichten oder diese Berichterstattung so sehr in Watte packen, dass der Kern der Geschichte nicht mehr klar wird. Trotzdem: Wir treffen eine sehr, sehr vorsichtige Bildauswahl und ich glaube, dass wir keine Bilder senden, die Jugendliche und vor allem Kinder schädigen können.


Gibt es einen Punkt, an dem diese Entscheidung schwierig wird? Sie sind ja täglich in der Vorauswahl mit Bildern konfrontiert, die die Zuschauer abends gar nicht mehr sehen.

Ja natürlich. Es gibt ja keinen Zollstock, mit dem man einfach abmisst, ob dieses Bild jetzt schädlich für 10-Jährige ist. Das ist immer eine Einzelfallentscheidung. Wir sehen vorab sehr viel mehr, als unsere Zuschauer, weil wir in der Redaktion das zugelieferte Rohmaterial von unseren Korrespondenten und Nachrichtenagenturen für die Sendung sichten. Bei manchen Bildern ist die Entscheidung ganz klar, bei andern muss man eine journalistische Werteentscheidung treffen. Will man z.B. die Bilder von Geiseln im Irak zeigen, die von ihren Peinigern dazu gebracht werden, um ihr Leben zu flehen und zu betteln und damit das Geschäft dieser Terroristen besorgen? Wir haben uns vor langer Zeit dagegen entschieden, das zu tun. Wir haben solche Bilder immer nur als Standfoto, wir haben aber nie diese Videos gespielt. Aber bei dieser Entscheidung denkt man nicht so sehr an Kinder, eigentlich geht es um das journalistische Ethos, das uns doch auch leiten sollte.


Ärgert es Sie, wenn andere Sender entscheiden, genau diese Art Bilder zu zeigen?

Mich ärgert das vor allem bei der Print-Konkurrenz. Ich ärgere mich über den Stern und Spiegel, die glauben, sie müssten doppelseitige Großfotos mit am Strande von Indonesien liegenden aufgeblähten Tsunami-Leichen zeigen. Diese Bilder tragen nichts zu unserem Verständnis für die Katastrophe oder zur Empathie für die Opfer bei. Die tun meiner Meinung nach schlimmere Dinge als manche TV-Sender. Das erschreckt mich, aber natürlich nicht ins Innerste. Ich hab mir da sicherlich inzwischen eine innere Hornhaut zugelegt, aber es erschreckt mich, dass jemand findet, er sollte das drucken.


Finden sie das unverantwortlich?

Es erschreckt mich vor allem, dass das jemand in einer Zeitung abdruckt, die überall bei Friseuren oder in Wartezimmern ausliegt. Und wo auch meine Kinder drauf stoßen können.

Mich stört auch beim Stern und vor allem beim Spiegel eine gewisse Heuchelei. Diese Magazine sind die ersten, die auf ihren Medienseiten immer vor einer Verrohung der Sitten warnen und - zu Recht - voyeuristische Programme geißeln, aber in ihrem eigenen Blatt wird das überhaupt nicht durchgehalten.

Mich erschrecken die redaktionellen Entscheidungen die da getroffen werden. Dass man sagt: "Hey aber ein Hingucker ist es doch!" Für mich sind diese Bilder kein Hingucker, für mich sind sie einfach ekelhaft! Bei der Bild-Zeitung überrascht mich das weniger, als sie mich dann zum Teil bei der angeblichen Qualitätspresse erstaunen. Die Bild tut aber auch nicht, als ob.

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