Projektbüro "SCHAU HIN!"
c/o komm.passion GmbH
Luisenstraße 41
10117 Berlin
Interview mit Maya Götz - Warum Mütter ihre Kinder fernsehen lassen
Kinder sehen Fernsehen oft schon in sehr frühen Jahren. In einer neuen Studie befragte das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) 776 Mütter von 0- bis 5-jährigen Kindern. SCHAU HIN! sprach mit der Institutsleiterin und renommierten Kinderfernsehexpertin Dr. Maya Götz
Frau Dr. Götz, ab wann sehen Kinder eigentlich fern?
Eigentlich schon im Bauch der Mutter. Schon Embryos nehmen die Töne des Fernsehens wahr. Entsprechend ist es nachweisbar, dass Babys von Müttern, die regelmäßig eine Daily Soap gesehen haben, sich nach der Geburt an die Anfangsmusik erinnern können. Insofern gehört Fernsehen also quasi von Anfang an mit zum Alltag von Kindern. Richtig bewusst fernsehen lassen bis zum Ende des ersten Lebensjahr 17% der Mütter, bei den 2- bis 3-Jährigen steigt es auf 74% und bei den 4- bis 5-Jährigen sehen schließlich 96% der Kinder fern.
Wie gehen Eltern von Babys mit dem Thema "Fernsehen" um?
Die Bandbreite, wie Mütter mit dem Fernsehen gerade in den ersten 2 Jahren umgehen, ist sehr breit: Einige stillen regelmäßig vor dem Fernseher, andere drehen ihr Kind in der Wiege vom Bildschirm weg und wieder andere vermeiden jegliches Fernsehen in dieser ersten Zeit. Einige Väter verändern ihr Verhalten und schalten zum Beispiel ab, wenn das Baby ins Zimmer kommt - andere gehen davon aus, dass die Kleinen ohnehin nichts mitbekommen. Geräusche und bedrohliche Musik nehmen Kinder aber schon sehr früh wahr, und selbst wenn sie die Bilder nicht sehen, regt das Flackern des Bildschirms viele Kinder emotional auf.
Wie bekommen Babys das Fernsehen mit?
Schon früh erkennen Kleinstkinder die Bilder gut und schauen zum Fernseher, weil sich dort etwas bunt bewegt. Mit 1,5 Jahren können Kinder oftmals einfache Handlungsabläufe aus dem Fernsehprogramm verstehen und nachmachen. Was sie aber von Anfang an mitbekommen, ist die Geräuschkulisse, und die ist oft laut und bedrohlich. Da hilft es auch nichts, den Babysitz umzudrehen, da hilft nur: Fernseher aus. Das ist für die Familien oft nicht einfach, denn auch stillende Mütter wollen informiert sein oder sich mal ein Fernsehprogramm zur Entspannung ansehen. Doch zum Wohle des Kindes kann man da nur raten, dann Nachrichten anzusehen, wenn das Kind schläft und lieber bei einem Hörbuch oder schöner Musik zu entspannen.
Oft wird davon ausgegangen, dass Familien das Fernsehen vor allem als Babysitter benutzen. Ist dem so?
Eine Babysitterin engagiert man normalerweise, um außer Haus zu gehen. Gerade Eltern von Kleinkindern machen das nur sehr selten. Bei den 4- bis 5-Jährigen kommt es vor, doch auch da eher in Ausnahmefällen. Der Begriff ist somit eigentlich irreführend. Eltern stellen den Fernseher in ihrem Alltag also durchaus das eine oder andere Mal in ihre Dienste. Der zweithäufigste Grund, Kindern Fernsehen zu erlauben, ist beispielsweise, "weil ich etwas im Haushalt zu erledigen habe". Hier wird das Gerät Hilfsmittel zur Alltagsorganisation.
Und was ist der häufigste Grund?
Kuscheln! Eltern und Kinder ab 2 Jahren sitzen einfach gern gemeinsam gemütlich vor dem Fernseher. Aber auch schlechtes Wetter ist für viele Eltern ein Motiv, ihren Kindern Fernsehen zu erlauben. Oder wenn das Kind krank ist. In einem Drittel der Familien mit Kindern ab 2 Jahren gehört Fernsehen zum abendlichen Ritual dazu. Was der größere Teil der Mütter in Deutschland vermeidet, ist das Fernsehen beim Essen oder als Belohnung für gutes Benehmen.
Sind Mütter also ausgesprochen sensibel im Umgang mit dem Medium Fernsehen?
Zum Teil ja, zum Teil nein. Einige gehen sehr sorgsam mit dem Thema um, beginnen nicht in den ersten zwei Jahren, achten sehr genau auf die Inhalte und schränken die Fernsehzeit sehr gezielt ein. Andere scheinen die potenziellen Probleme gar nicht wahrzunehmen, sehen zum Beispiel regelmäßig Nachrichten und auch Actionfilme mit ihren kleinen Kindern. Insbesondere Väter scheinen oftmals sorglos mit dem Medium umzugehen. Hier ist also mehr Schulung und Sensibilisierung gefragt.
Schadet der frühe Fernsehkonsum den Kindern?
Was für Kinder auf jeden Fall schwierig ist, sind überfordernde Inhalte. Zu viel Spannung, beängstigende Szenen und Gewalthaltiges sollten also auf jeden Fall vermieden werden. Langzeitstudien weisen zudem auf Defizite bei Vielsehern hin, also Kindern, die mit 2 oder 3 Jahren bereits mehr als eine Stunden täglich sehen. Denn Fernsehen ist von seiner Natur her nicht das richtige Medium für Kleinkinder. Kinder eignen sich die Welt im wahrsten Sinne des Wortes durch begreifen, schmecken und selber ausprobieren an. Das kann die zweidimensionale Welt des Fernsehens aber genau nicht leisten. Der Fernsehkonsum nimmt den Kindern viel Zeit weg, die sie anders förderlicher verbringen könnten.
Ist es dann nicht einfacher, ganz auf den Fernseher zu verzichten?
Diejenigen Familien, die ganz auf das Fernsehen verzichten, sind eine kleine Minderheit. Dies ist eine Tatsache, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Vermutlich haben sie ein sehr reichhaltiges Familienleben, schon weil sie einfach mehr Zeit haben, miteinander etwas zu machen. Alle Probleme löst eine erzwungene Fernsehabstinenz jedoch auch nicht, denn irgendwann müssen die Kinder lernen, mit der Faszination der Medien umzugehen. Insofern ist die Forderung: Medienerziehung von Anfang an - und das heißt zunächst einmal: Ausschalten lernen. Doch dafür müssen die Kinder erst eine gewisse kognitive Reife erreichen. Insofern sollten Eltern möglichst lange mit dem Fernsehen warten.
Was raten Sie also Eltern von kleinen Kindern ganz konkret?
Zunächst einmal über den eigenen Fernsehkonsum nachzudenken. Dann: Gemeinsam Fernsehregeln bezüglich Zeitdauer und Sendungen aufzustellen, die gesehen werden sollen. Wenn irgend möglich gemeinsam fernsehen, und zwar gutes Kinderfernsehen! Und wenn Sie sich einen Gefallen tun wollen: Beginnen Sie möglichst spät mit den Fernsehen, achten Sie von Anfang an auf die Einhaltung Ihrer Fernsehregeln, unterhalten Sie sich mit Ihrem Kind über das Gesehene und vor allem: Suchen Sie nach Alternativen zum täglichen Fernsehkonsum.







































