Projektbüro "SCHAU HIN!"
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Gespräch mit Klaus - Peter Siegloch - "Im Zweifel nicht senden"
Ob Geiselnahmen, Entführungen oder gar Enthauptungen - die Auswahl an grausamen Bildern im TV-Tagesgeschäft ist riesig. Groß ist die Versuchung, Fürchterliches zu zeigen, die Konkurrenz tut es ja auch. Inzwischen gehört es zum Kalkül der Gewalttäter, live im Fernsehen zu erscheinen. Im Gespräch mit ZDFonline äußert sich Klaus-Peter Siegloch, Moderator und Leiter der Hauptredaktion Aktuelles im ZDF, über den verantwortungsvollen Umgang mit brutalen Bildern.
Schulmassaker in Erfurt, Folter in den Gefängnissen im Irak, jetzt zuletzt das Geiseldrama in Beslan - stimmt der Eindruck, dass wir über immer grausamere Ereignisse mit immer brutaleren Bildern berichten müssen?
Die Ereignisse sind brutaler geworden. Wir fragen uns ständig, welche Bilder wir überhaupt noch zeigen können. Es gibt inzwischen auch das bewusste Kalkül der Gewalttäter, mit den im Fernsehen gezeigten Bildern bestimmte politische Wirkungen zu erzielen. Beispiel Irak: Da wird von Geiselnehmern kalkuliert, dass sie mit grauenhaften Bildern Einfluss ausüben können. Wir machen uns dadurch auch zum Transporteur. Deshalb haben wir rigide Regeln gefasst.
Wie sehen die aus und wer entscheidet, was zumutbar ist?
Da vier Augen mehr sehen als zwei, verfahren wir bei all den Bildern nach dem Vier-Augen-Prinzip. Wir entscheiden gemeinsam, ob das Bild noch verantwortbar ist. Im Zweifel wird nicht gesendet. Wir zeigen eben nicht den toten GSG-9-Beamten, der neben dem Wrack des Autos liegt. Andere Sender haben ihn gezeigt. In vielen Fällen sagen wir: Wir müssen die Bilder nicht zeigen, um die Grausamkeit eines Ereignisses zu dokumentieren. Da reicht auch die Aufnahme in der Totalen. Die Schwierigkeit ist natürlich der Konkurrenzkampf der Sender untereinander um die eindrucksvollsten Bilder. Da müssen wir uns häufig zurückhalten und sagen, das geht über das, was die Zuschauer ertragen können, hinaus. Wir kriegen auch häufig von den Zuschauern die Rückmeldung: Ich kann die Nachricht nicht anschauen, weil es so grausam ist.
Ist die Hemmschwelle, Ausmaße von Gewalt im Fernsehen zu zeigen, über die Jahre gesunken? Ist das, was vor zehn Jahren noch tabu war, heute erlaubt?
Nein. Das Bewusstsein ist eher noch gestiegen. Vor 15 Jahren - damals war ich Redakteur bei der tagesschau - haben wir nach einem Flugzeugabsturz Leichenteile in Bäumen gezeigt. Vielleicht haben wir uns auch gar nicht die Gedanken gemacht, was das bei den Zuschauern auslöst. Aber die Zahl der grauenhaften Ereignisse und das Kalkulieren mit grauenhaften Ereignissen ist größer geworden.
Dennoch muss über solche Ereignisse berichtet werden.
Deshalb ist es manchmal auch ein schmerzlicher Prozess, weil wir uns in der Berichterstattung beschränken müssen. Und das Ganze passiert unter einem enormen Zeitdruck. Wenn Sie sich einen Tag Zeit nehmen, über brutale Ereignisse und die Berichterstattung nachzudenken, ist das was anderes, als wenn sie fünf Minuten Zeit haben.
Wie kontrolliert man unter diesen Bedingungen, was gesendet wird?
Beim Geiseldrama in Südrussland saßen zum Beispiel zwei Leute in der Regie, die alle Bildquellen, die live aus Beslan kamen, geprüft haben. Auf der anderen Seite gibt es eine Dokumentationspflicht: Wir können nicht alle Bilder ausschalten, die ein Krieg bietet. Das ist das Spannungsfeld, in dem wir leben.
Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis wir in Gänze Hinrichtungen wie etwa die des Amerikaners Nick Berg im Irak in frei empfangbaren Nachrichtensendungen sehen werden?
Ich fürchte es fast, dass bei der Vielzahl der Kanäle die Rücksicht und die Filterfunktion, die wir Journalisten haben, immer weniger wird. Es ist ja heute schon so, dass einige arabische Sender wie Al Dschasira das Köpfen von Geiseln in "Echtzeit" zeigen. Ich befürchte, dass die Tendenz bei manchen Sendern weitergehen wird. Um so mehr haben wir eine Verantwortung dem gegenzusteuern.







































