Projektbüro "SCHAU HIN!"
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Gespräch mit Prof. Dr. Horst W. Opaschowski - "Medienzeit und Familienzeit gehören zusammen"
"Die Familie wird eine Renaissance erleben." Davon ist Professor Dr. Horst Opaschowski überzeugt. Alles, was aus der Monotonie des Fernseh-Alltags befreit, sei willkommen. SCHAU HIN! im Gespräch mit dem renommierten Hamburger Freizeitforscher über Medienzeit und Familienzeit.
Herr Professor Opaschowski, welche Rolle spielen die Medien bei der Freizeitgestaltung der Deutschen?
Die Medien haben das Freizeitverhalten - nicht nur der Deutschen - geradezu revolutioniert. Wenn man sich vorstellt, dass Anfang der Fünfziger keine tausend Bundesbürger ein Fernsehgerät besaßen, und dies in Relation zum heutigen Angebot setzt, dann kann man schon von einer dramatischen Veränderung sprechen...
...mit dramatischen Konsequenzen für Freizeit und Familie.
Genau! "Medienzeit" ist mittlerweile schon fast zum Synonym für "Freizeit" geworden. Privatsender, Satellitenprogramme, DVD, Internet usw. drohen das Zeitbudget aus den Angeln zu heben. Insofern bleibt den Familienmitgliedern für "eine Sache" immer weniger Zeit.
"Eine Sache"?
Früher wurde in den Familien nach dem Grundsatz gelebt: Eine Sache zu einer Zeit. Das war gut für die Psyche und das eigene Wohlbefinden. Heute ist daraus die Devise geworden: Mehr tun in gleicher Zeit. Fernsehen plus Zeitung lesen plus zwischendurch telefonieren, plus Abendessen, plus familiäres Gespräch. Mit anderen Worten: Es werden immer mehr Tätigkeiten in den gleichen Zeitrahmen gepresst. Wenn man die Zeit dieser Aktivitäten addiert, müsste der Tag eigentlich 48 Stunden haben. Weil das aber nicht geht, müssen zwei bis drei Aktivitäten gleichzeitig ausgeübt werden.
Was lässt sich angesichts dieses immensen "Programms" den Familien empfehlen?
Die Rolle rückwärts mit Sicherheit nicht. Die Menschen wollen heute und nicht in der Vergangenheit leben - so medial beschaulich diese vielleicht auch war. Denn dafür gibt es zu viele Informationen und Anregungen, auch durch das Fernsehen. Ich will die modernen Medien auch gar nicht verketzern, andererseits ist schon klar, dass sie vielerorts zu einem Zeitkiller werden...
...und dass sie von anderen, wichtigeren Dingen wie zum Beispiel Schule ablenken?
Wenn dies unkontrolliert und in großem Stil abläuft, auf jeden Fall. Aber das muss auch nicht generell der Fall sein. Denn wenn bei der Erziehung von Kindern und Jugendlichen darauf geachtet wird, dass Schularbeiten getrennt von Medienkonsum erledigt werden, ist dagegen nichts zu sagen. Wenn aber TV und Musik gleichzeitig die Hausaufgaben begleiten, dann führt dies, wie wir aus vielen Studien wissen, zu wachsender Nervosität und Aggressivität.
Gibt es Freizeitverhalten/Freizeitangebote, das/die Sie als bedenklich einstufen würden?
Ich glaube nicht, dass man eine einfache Antwort auf diese Frage findet, Wenn man sich nur die Inhalte anschaut. Ich meine damit die oft geäußerte Ansicht, dass bestimmte Inhalte des Fernsehens oder des Internets problematisch für Kinder seien. Es ist eher die Lawine, die auf die Familie zurollt, das geballte Angebot von Medien, das Tagesabläufe diktieren und auf eine Art und Weise in die Familie eingreifen kann, dass die Gefahr besteht, das Ganze nicht mehr bewältigen zu können. Da muss sich jede Familie auf ihre Widerstandskraft besinnen.
Das klingt aber nach längst verflossenen Zeiten...
...das sehe ich nicht! Wir haben es mit einer kontinuierlichen Entwicklung - auch in der Mediengesellschaft - zu tun: In den Fünfzigern, mit ihren Babyboomern, war Familie Trumpf. Man spielte miteinander und besuchte Verwandte. In den Sechzigern ging man öfter auch ins Theater und tat auch sonst etwas für die Allgemeinbildung. In den Siebzigern kam es zur eigentlichen Zäsur: Das Fernsehen wurde zum "Leit-/Leidmedium". Mitte der Achtziger kam das Telefonieren als Instrument der Langeweileverhinderung hinzu und avancierte zur dominanten Freizeitbeschäftigung - parallel mit der "Sportbewegung", die vor allem durch den Tennis-Boom ausgelöst wurde. In den Neunzigern gesellten sich das Internet und weitere elektronische Medien hinzu. Und nun kommt die Familie wieder.
Und das heißt...?
...dass vor allem nach dem 11. September eine gewisse Nachdenklichkeit eingezogen ist. Und diese spielt sich dann auch in den eigenen vier Wänden ab. Dass die Zeiten wirtschaftlich und politisch unruhiger geworden sind, verstärkt diesen Trend. Wenn wir uns jetzt die aktuellen Top Ten der beliebtesten Freizeitaktivitäten der Familie ansehen, dann sind darunter vier, die mit der klassischen "Aktivität" ¸überhaupt nichts zu tun haben: "über wichtige Dinge reden", "eigenen Gedanken nachgehen", "Wellness" und "Faulenzen". Also: Fahrrad fahren, Sport treiben oder Spazieren gehen sind nicht mehr unter den Top Ten.
Aber was hat das jetzt mit den Medien zu tun?
Medienzeit und Familienzeit gehören zusammen. Die Familie wird eine Renaissance erleben. In dieses Bild passt auch die Rückbesinnung auf alte Werte, von der im Augenblick so viel geredet wird. Das Zusammensein mit der Familie erhält wieder eine größere Bedeutung und nimmt mehr Zeit in Anspruch als bisher. Dieser Trend fällt ganz offensichtlich auf fruchtbaren Boden, denn in allen Studien ist zu beobachten, dass die Aktivität "Gemeinsame Unternehmung" immer ganz oben steht. Alles, was uns aus der Monotonie des Fernsehalltags befreit. Wenn Sie die Bürger heute fragen "Können Sie sich an einen schönen Abend erinnern?" kommt die Antwort "Fernsehen" kaum vor. Es ist schon bemerkenswert: Fernsehen dominiert zwar im Alltag, aber alles, was zur Ausnahme von dieser Regel wird, z.B. das unverhoffte Klingeln von Bekannten oder Verwandten an der Haustür - gilt als gelungener Feierabend oder als schönes Wochenende. Fernsehen ist für viele offensichtlich ein wichtiges Informations- und Unterhaltungsmedium, aber auch ein Lückenbüßer oder Langeweileverhinderer.







































