SCHAU HIN!: Was fasziniert Kinder am Dschungelcamp?
Kristin Langer: Es gibt mehrere Aspekte, warum viele Kinder das Dschungelcamp so reizvoll finden. Zum einen ist es für Kinder spannend zu sehen, welchen Herausforderungen und Gefahren sich Erwachsene stellen. Zum anderen haben Kinder auch Freude daran zu sehen, wie sich andere blamieren. So können sie für sich selber Grenzen abstecken und entscheiden, auf welche Situationen und Mutproben sie - theoretisch- eingehen würden.
SCHAU HIN!: Viele Eltern fürchten, dass das Schauen des Dschungelcamps einen direkten negativen Einfluss auf das Verhalten ihrer Kinder hat. Ist diese Angst berechtigt?
Kristin Langer: Ja, denn wir müssen davon ausgehen dass Kinder, unabhängig ihres Alters, sich an den Teilnehmern des Dschungelcamps orientieren. Gerade jüngere Kinder, die für sich selbst erst noch Verhaltensweisen entwickeln müssen, die später auch Bestand haben, brauchen Vorbilder. Die Teilnehmer des Dschungelcamps, die sich auf Kosten anderer lustig machen, andere Dschungelcampbewohner erniedrigen und Ekelsituationen eingehen, sind die falschen Vorbilder für Kinder. Es ist wichtig, dass Eltern ihre persönlichen Werte herausstellen und durch eigene Handlungen aufrecht erhalten. So können sie ihre eigenen Wertvorstellungen denen, die im Dschungelcamp transportiert werden, entgegensetzen. Kinder und Jugendliche brauchen diese Orientierung, weil sie ja noch mitten in einem Entwicklungsprozess stecken.
SCHAU HIN!: Was können Eltern tun, wenn Kinder den Wunsch äußern, das Dschungelcamp zu schauen? Sollte man die Sendung Kindern dann verbieten?
Kristin Langer: Obwohl das Dschungelcamp laut Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e.V. für unter 16-Jährige nicht verboten ist, aber die Sendung dennoch erst nach 22 Uhr ausgestrahlt wird, so sollten Eltern das Gucken des Dschungelcamps gerade jüngeren Kindern nicht erlauben. Kinder im Vorschulalter können die fragwürdigen Botschaften und das Extreme der Situation nicht wirklich durchschauen. Auch die Reichweite, das vor einem Millionenpublikum höchst Privates zur Schau gestellt oder besprochen wird, können Kinder nicht einschätzen. Sexualität, Zuneigung und Liebe sind persönliche Themen, die in die Familie gehören. Allerdings: Verbote wirken in der Regel nur sehr kurzfristig. Kinder bekommen nicht nur über das Fernsehen, sondern auch durch andere Medien wie Zeitung oder Internet viel von der Sendung mit. Grundsätzlich ist es deshalb wichtig, dass Eltern gemeinsam mit ihren Kindern über die Sendung sprechen und ihnen erklären, warum sie nicht für sie geeignet ist. Unser Tipp für Eltern: Schauen Sie sich mit ihren Kindern zu einer für Sie passenden Zeit gemeinsam Ausschnitte der Sendung im Internet an. So haben Sie die Möglichkeit, an einzelnen Beispielen klar Ihre Meinung über das Dschungelcamp zu äußern und können Ihren Kindern genau erklären, wo die Sendung Ihrer Meinung nach die Grenzen des guten Geschmacks überschreitet.
Prinzipiell gilt jedoch: Kinder haben das Recht, sich eine eigene Meinung über eine Sendung zu bilden. Gerade Kinder ab 12 oder 13 Jahren sind aufgrund ihrer Medienerfahrung bereits in der Lage zu entscheiden, ob sie ein gewisses Format gut oder schlecht finden. Eltern sollten ihre Kinder deswegen anregen, auch Fernsehkritiken zu lesen. So wird Kindern klar, dass eine Vielzahl solcher Formate inszeniert sind und auf Werbeeinnahmen basieren.
Weiterführende Informationen
Weiterführende Informationen, ab welchem Alter gewisse Sendungen für Kinder geeignet sind, finden Eltern unter www.flimmo.de.
Weitere Tipps zu neuen TV-Formaten gibt es unter www.schau-hin.info.
Kristin Langer unterstützt die Initiative SCHAU HIN! als Mediencoach und fachliche Beraterin. Die studierte Medienpädagogin und Mutter einer Tochter hat langjährige Erfahrungen im Bereich der Medienerziehung aus ihrer Arbeit für das Adolf-Grimme-Institut, die Bundeszentrale für politische Bildung und das Kinder- und Jugendfilmzentrum in Deutschland.